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Infolge des Magdeburger Parteitages
von Bündnis 90/Die Grünen im März 1998 wird heftiger
denn je über den Sinn und Unsinn einer Ökologischen
Steuerreform diskutiert. Dabei wird die Diskussion gemeinhin auf
fünf Mark für den Liter Benzin reduziert. Im Kern geht
es jedoch um eine grundlegende Umschichtung innerhalb des bestehenden
Steuersystems: eine Verbilligung des Faktors Arbeit soll durch
eine Verteuerung der Umweltnutzung gegenfinanziert werden. Mehr
Umweltschutz und Beschäftigung sind das Ziel einer solchen
Reform, die seit rund 20 Jahren in der Diskussion ist und auf
Fachebene große Zustimmung findet. Um so erstaunlicher ist
die breite öffentliche Ablehnungsfront.
Nachfolgend sollen sechs zentrale Gründe
benannt werden, die einer Umsetzung bislang entgegenstanden. Wie
so oft gibt es hierbei nicht die Erklärung, vielmehr
bringt unsere Analyse mehrere einzelne Faktoren zutage, die zusammengenommen
das vorläufige Scheitern einer Ökologischen Steuerreform
markieren. Besondere Berücksichtigung findet hierbei die
massive und vielfältige Einflußnahme einzelner Industriezweige
auf den Politikprozeß. Wie sehen die Widerstände aus,
mit denen sich auch eine rot-grüne Koalition auf Bundesebene
nach der Wahl im September 1998 möglicherweise auseinanderzusetzen
hat? Neben der Darstellung auch der subparlamentarischen Blockaden
soll abschließend noch - bezugnehmend auf die aktuelle Debatte
- analysiert werden, warum sich der öffentliche Unmut über
eine Ökologische Steuerreform insbesondere gegen die Grünen
richtet.
Der Einfluß der Industrie auf
die Regierungsfraktionen: Der massive Widerstand der Unternehmen,
genauer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und
einem seiner mächtigsten Mitgliedsverbände, der Chemieindustrie,
wird an fünf Stationen aufgezeigt.
Erstens, die direkte Einflußnahme
von Verbandsvertretern auf Bundeskanzler Helmut Kohl, und von
dort aus auf den Bonner Politikprozeß, ist die Industrie
zum Hauptbremser der Reform avanciert. Unterstützt wurde
dies zusätzlich durch den großen - auch persönlichen
- Einfluß von Verbandsvertretern auf den parlamentarischen
(und Regierungs-) Apparat. Nachdem sich eine von CDU/CSU-Fraktionschef
Wolfgang Schäuble beauftragte fraktionsinterne Arbeitsgruppe
auf eine stufenweise Einführung ökologischer Instrumente
- darunter eine Energiesteuer - geeinigt hatte, wurde im Oktober
1995 die Notbremse gezogen. Ein Geheimgespräch zwischen dem
CDU-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Kohl und der "Ludwigshafener
Bande", wie es ein führender Unionspolitiker ausdrückte,
avancierte zum Wendepunkt. In einen Sechs-Augen-Gespräch
redeten BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel und der BASF-Vorstandsvorsitzende
Friedrich Strube (im Auftrag der Chemieindustrie) auf Helmut Kohl
ein, alle Pläne zur Einführung einer Ökologischen
Steuerreform aufgrund einer zu erwartenden Verschlechterung der
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft aufzugeben.
Strube gilt als enger Vertrauer des Kanzlers. Per Handschlag soll
der Bundeskanzler den Industrievertretern die Nicht-Einführung
einer ÖSR in der Legislaturperiode 1994-1998 zugesichert
haben (diesen Punkt haben wir bereits öffentlich gemacht).
Das Gespräch wirbelte intern viel Staub auf - Schäuble
"schäumte" und Repnik war "enttäuscht
und frustriert", wurde uns über das Nachbeben berichtet.
Folge: Kohls Entscheidung übte einen disziplinierenden Charakter
auf die Fraktion aus und wurde intern als Weisung verstanden.
Der loyale Schäuble beugte sich dem Kanzler - auch wenn sich
Schäuble in seinem "Zukunftsprogramm" für
die Bundestagswahl 1998 auf einen Beschluß des Karlsruher
CDU-Parteitag (Oktober 1995) berufen konnte, in dem die Einführung
einer CO2-/Energiesteuer im Rahmen der EU "als
wünschenswert", vor den Hintergrund der geringen Erfolgsaussichten
aber auch "ggf. mit der Einleitung von Maßnahmen auf
nationaler Ebene zu beginnen" sei.
Durch geschickte Angebote für den
parlamentarischen Sektor, wie der Selbstverpflichtungserklärung
der Industrie zur Reduktion von Kohlendioxid, ist es den Industrieverbänden
zweitens gelungen, Greif- und Vermittelbares zu präsentieren
sowie positive Signale an die Politik zu senden - nach dem Motto:
"Wir nehmen Umweltschutz selber ernst. Die Politik kann sich
deshalb zurückhalten". Die Strategie von Zuckerbrot
(Selbstverpflichtung) und Peitsche (u.a. BDI-Kohl-Geheimgespräch,
persönliche Einflußnahme auf die Fraktionsspitze) hat
sich für die Industrie ausgezahlt. Mittlerweile ist das Prinzip
"Selbstverpflichtung" in die Programmatik der Regierungsfraktionen
eingeflossen, staatliche Steuerung hingegen wurde mehr und mehr
aus dem umweltpolitischen Instrumentenkasten verdrängt. Nicht
das Instrument an sich ist abzulehnen, sondern der Charakter des
"Wenn-dann", der die Einführung von Energiesteuern
bei gleichzeitiger Anwendung der Selbstverpflichtung ausschließt
(anders als dies etwa in Dänemark der Fall ist, wo beide
Instrumente sehr intelligent miteinander verknüpft werden).
Zugleich organisierte der BDI
drittens eine breite Ablehnungsfront und betrieb intensives
Lobbying. Das bekannte Reaktionsschema, daß sich Verlierer
von Reformen sehr viel leichter als potentielle Gewinner mobilisieren
lassen, war dabei auch innerhalb der 35 Einzelverbänden zu
beobachten. Das hängt vor allem damit zusammen, daß
das gesamtwirtschaftliche Gewicht potentieller Gewinner im Vergleich
zu den über Jahrzehnten gewachsenen Verliererindustrien gering
ist und es solange bleiben wird, wie die Rahmenbedingungen sind,
wie sie sind. Die einflußreichen Wirtschaftsverbände,
besonders energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie, konnten
sich so schnell abstimmen, die Ökologische Steuerreform wurde
als Bedrohung für den Wirtschaftsstandort Deutschland gebrandmarkt.
Anfangs wurde vornehmlich mit Hochglanzbroschüren, Gutachten,
Presseerklärungen und Briefen des BDI-Vorsitzenden Henkel
an die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen agiert. In dem persönlichen
Schreiben "an führende Politiker von Koalition und Opposition
hat BDI-Präsident Henkel "seine grundsätzlichen
Vorbehalte gegen die verschiedenen (...) Ökosteuerpläne
unterstrichen. Er wies daraufhin, daß Ökosteuern
standortpolitisch "ein völlig falsches Signal
seien, und sich deshalb die Einführung neuer Steuern "verbiete.
Nachdem die fraktionsinterne Programmarbeit
nicht zum Stillstand kam, wurden in einer zweiten Phase gezielt
Einzelgespräche mit Politikern geführt - dabei profitierte
der BDI von den engen personellen Verflechtungen mit der CDU/CSU-
sowie FDP-Bundestagsfraktion - und zudem spezielle Workshops,
in denen betroffene Unternehmen die negativen betriebsspezifischen
Auswirkungen verdeutlichten, durchgeführt. Am Beispiel von
13 Unternehmen (darunter die Bayer AG, Hoechst AG, Mannesmann
AG, Ruhrkohle AG und Thyssen-Stahl AG) "wurden die negativen
wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Wirkungen dargelegt,
die sich aus der Einführung einer zusätzlichen Energiebesteuerung
für die Unternehmen am Standort Deutschland ergeben.
Der Vorteil des BDI: An den zentralen Schaltstellen fungieren
Vertreter von Großbetreiben, die die (potentiell negative)
Auswirkungen einer ÖSR auf ihren Betrieb mit einem großen
Mitarbeiterstab - technisch professionell - analysieren können,
die dann in die Öffentlichkeit getragen werden. Vorteilhaft war im Fall der ÖSR-Dethematisierung viertens auch der "persönliche Faktor der Politik". Besonders der BDI und seine Mitgliedsorganisation Verband Chemischer Industrie unterhalten ausgezeichnete Kontakte in das Kabinett und die Spitze der Regierungsfraktionen. Unterstützt wird dies dadurch, daß der federführende BDI-Verantwortliche für den Bereich Steuerpolitik selbst in der Chemieindustrie arbeitete. In der Arena Ökologische Steuerreform gilt Prof. Wolfgang Ritter als zentrale Koordinationsstelle zwischen Unternehmens- und Verbandsinteressen. Ritter war bis zu seiner Pensionierung (Ende 1991) bei BASF in Ludwigshafen beschäftigt. Ritter fungiert noch heute für den Konzern als Vorsitzender des BDI-Steuerausschusses. Bei BASF war er Leiter der Zentralabteilung Steuern und später Leiter des Zentralbereichs Recht/Steuern/Versicherungen. Er unterhält weiterhin im Konzern ein Büro und sitzt neben dem Steuerausschuß auch dem BDI-Unterausschuß "Internationale Steuern" vor. Wolfgang Ritter hat federführend die BDI-Broschüre "Umsteuern mit Ökosteuern" verfaßt, in der eine Ökologische Steuerreform als "ökologische Planwirtschaft", "finanzwirtschaftlich unsolide" und "steuerpolitisch verfehlt" kritisiert wird.
Nicht selten greifen dabei personelle
Doppelfunktionen in Bundesregierung und Unternehmensverbände
wie Zahnräder ineinander - vor allem immer dann, wenn es
eine direkte Verknüpfung von Funktionärsamt und Mandat
gibt. Beispiele sind die Unions- und FDP-Bundestagsabgeordneten
Reinhard Göhner (Hauptgeschäftsführer des BDA),
Ruprecht Vondran (Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl),
Cornelia Yzer (Hauptgeschäftsführerin des Verbandes
Forschender Arzneimittel) und Otto Graf Lambsdorff (Präsident
der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz). Zudem
gibt es unzählige Ex-Abgeordnete und Parteimitglieder, die
führende Positionen in Industrie und Wirtschaft bekleiden,
etwa Ludolf-Georg von Wartenberg (BDI-Hauptgeschäftsführer),
Hanns-Eberhard Schleyer (Generalsekretär des Zentralverbandes
des Deutschen Handwerks) und Franz Schoser (Hauptgeschäftsführer
des DIHT).
Doch nicht nur die im BDI zusammengeschlossenen
Verbände kritisierten die Pläne einer Ökologischen
Steuerreform und nutzten die möglichen Einflußkanäle.
In Bonn haben sich fünftens die Steuerfachleute von acht
Wirtschaftsverbänden zu einem "Steuerkränzchen",
der sogenannten Achter-Bande, zusammengeschlossen. Die
Gruppe, deren Mitglieder aus dem BDI, DIHT, Zentralverband des
Deutschen Handwerks (ZdH), Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber
(BDA), Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV),
Bundesverband deutscher Banken (BdB), Hauptverband des deutschen
Einzelhandels (HDE) und dem Bundesverband des deutschen Groß-
und Außenhandels (BGA) stammen, trifft sich wöchentlich,
um gemeinsam zu aktuellen politischen Plänen/Gesetzentwürfen
Stellung zu nehmen. Damit gibt es auf dem Gebiet der Steuer- und
Finanzpolitik eine beispiellose Vernetzung zwischen den Verbänden.
Das Thema ÖSR wurde in dieser Runde "häufig"
angesprochen, berichtete ein Teilnehmer. Konsens herrschte in
der Runde, daß Steuern grundsätzlich der falsche Weg
sind, um ökologisch zu steuern; zumal eine ÖSR "niemals
belastungsneutral" sein könne und vornehmlich zur "reinen
Finanzmittelbeschaffung" mißbraucht werde.
Die RWI-Studie: 1996
hat eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für
Wirtschaftsforschung (RWI) viel Beachtung gefunden. Danach (Basis
der Berechnung ist ein Gutachten des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung im Auftrag von Greenpeace aus dem Jahr 1994)
soll die Einführung einer ÖSR zur Vernichtung von exakt
413.000 Arbeitsplätzen innerhalb von zehn Jahren führen.
Die Langfassung dieser Studie lag bis Frühjahr 1998 noch
nicht vor, obwohl die Kurzversion bereits 1996 vorgestellt wurde.
Bei den verlorenen Arbeitsplätzen
handelt es sich um Jobverluste, die in den Grundstoff- und Produktionsgütersektoren
sowie in der Energieversorgung - also in energieintensiven Branchen
- erwartet werden. Die positiven Arbeitsplatzeffekte in anderen
Bereichen sind in dieser Zahl nicht enthalten. Die RWI-Autoren
selber erwähnen, daß "gleichzeitig insbesondere
durch den Übergang auf eine dezentralere Energieversorgung,
den Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung und die Investitionen
zur rationellen Nutzung von Energie zusätzliche Arbeitsplätze
geschaffen werden." Die Autoren des RWI-Gutachtens bleiben
zwar skeptisch und warnen, daß "das Saldo von neu geschaffenen
und verlorengegangenen Arbeitsplätzen nicht zwangsläufig
positiv" sein wird. Zwar fehlt eine gesamtwirtschaftliche
Betrachtung, in der die Arbeitsplatzverluste und -gewinne gegenüberstellt
ebenso wie Sonderregelungen für energieintensive Betriebe
nicht berücksichtigt werden, doch die Studie hat den Gegnern
nötiges argumentatives Rüstzeug geliefert.
Der außerparlamentarische Sektor:
Die Befürworter einer Ökologischen Steuerreform haben
es nicht geschafft, eine sichtbar breite Allianz zu schmieden,
die über altbekannte Zusammenschlüsse hinaus ein Drohpotential
aufbaut. Unterstützt durch innerparteiliche und parlamentarische
Streitereien bei SPD sowie Bündnis 90/Die Grünen, durch
unerwartete Äußerungen von bekannten Oppositionspolitikern
(Schröder/Beck) und lediglich punktuellen Kleinstallianzen
von Befürwortern (Greenpeace/ÖTV, BJU/BUND, Grüne/IG
Bau-Agrar-Umwelt) blieben die eigentlich zahlreichen Unterstützer
vereinzelt und größtenteils politisch unsichtbar.
Besonders markant war eine lang anhaltende
Kooperationsunfähigkeit der Umweltverbände untereinander,
die es nicht bzw. erst nach dem Höhepunkt der Debatte geschafft
haben, sich zumindest in den Grundzügen auf ein gemeinsames
Konzept zu einigen. Die vielfältigen Vorschläge der
Umweltverbände haben die Debatte zwar insgesamt belebt, wurden
aber nicht zusammengeführt und blieben lange Zeit in Konkurrenz
nebeneinander bestehen. Und auch der Deutschen Naturschutzring
als koordinierende Instanz, die es den Umweltverbänden ermöglichen
sollte, kurzfristig vereint zu agieren und situative Momente wie
die Abschaffung des Kohlepfennigs politisch auszunutzen, ist in
der Realität zu schwerfällig und letztendlich nicht
mit genügend Kompetenz ausgestattet.
Aber nicht nur die Umweltorganisationen,
die aufgrund ihres geringen politischen Einflusses ohnehin nicht
das Machtpotential besessen hätten, einer Ökologischen
Steuerreform zum entscheidenden Durchbruch zu verhelfen, sind
verantwortlich für die fehlende Unterstützung, sondern
ebenso die weiteren ÖSR-Befürworter. Das mittlerweile
ungewöhnlich breite Geflecht von Unterstützerorganisationen
(Gewerkschaften, Unternehmerverbänden, Parteien, Forschungseinrichtungen,
"Gewinnerindustrien", Kirchen und Umweltverbänden)
ist nicht sichtbar geworden, konnte somit auch keinen Druck auf
die parlamentarische und ablehnende subparlamentarische Elite
ausüben. Es ist nicht gelungen, die unterschiedlichen, aber
prinzipiell kompatiblen Ansätze zu vereinen.
Die Krise auf dem Arbeitsmarkt: Die
Ökologische Steuerreform stand unter dem Druck der sich zuspitzenden
ökonomischen Krise und der gleichzeitigen argumentativen
Hegemonie über die angeblich geringe Wettbewerbsfähigkeit
der deutschen Wirtschaft. Als Folge der "Standort- und Wettbewerbsdebatte"
rückte die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik mehr und
mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zumal
von Wissenschaftsseite die per Saldo positiven Beschäftigungsprognosen
durch neue Studien ins Wanken gerieten und damit ein zentrales
pro-Argument verwässert wurde. Die seit zwei Jahren stärker
betriebene argumentative Kopplung mit den arbeitsmarktpolitischen
Auswirkungen erlittt somit erhebliche Schwächung.
Das Image.- und Informationsdefizit:
In der Bevölkerung herrscht zum komplexen Thema Ökologische
Steuerreform weitgehende Unkenntnis vor. Wenn Wissen besteht,
dann oft solches, das den Begriff ÖSR mit dem Benzinpreis
von 5 Mark gleichsetzt. Durch das Informationsdefizit der Bevölkerung
- nur rund ein Drittel hat von dem Begriff nach einer Umfrage
des Bundesumweltministeriums schon einmal "gehört"
- war der Boden nicht bereitet, um in den politischen Eliten das
Thema kurzfristig als vordringlich anzusehen. Die verlockende
Idee ("Arbeit entlasten, Umwelt belasten") wird weiterhin
vielfach mit einer verdeckten Steuererhöhung gleichgesetzt.
Und in einer Phase sinkender oder stagnierender Kaufkraft, in
einer Phase ökonomischer Unsicherheit - bedingt durch hohe
Arbeitslosigkeit - würden Ankündigungen von Steuererhöhungen,
gleich welcher Art und trotz Erhöhung sozialer Transferleistungen
und Senkung der Lohnnebenkosten, auf wenig Akzeptanz der Bevölkerung
stoßen. Mögliche positiven Folgen, etwa die Erhöhung
der Lebensqualität durch eine bessere Umwelt, zusätzliche
Arbeitsplätze, Verbesserung der wirtschaftlichen Situation
und einer individuellen Erhöhung sozialer Transferleistungen,
könnten in der Debatte über Steuererhöhungen untergehen.
Der parlamentarische Sektor: Die FDP
und ihr Bundeswirtschaftsminister hatten zwar Mitte 1995 zwei
fertige ÖSR-Konzepte vorgelegt, die aber im Widerstand gegen
die Einführung einer Energiesteuer für den abgeschafften
Kohlepfennig und im Zuge der Image-Transformation zur "Steuersenkungspartei"
aus der politischen Arena verschwanden. Die positiven Ansätze
auf Seiten der Bonner Regierung wurden durch die Krise der FDP
und deren personelle Folgen für die Partei negiert. Zwei
Gründe sind zentral, weshalb ohne koalitionsinterne inhaltliche
Debatte die ÖSR keine Rolle mehr im parlamentarischen Raum
spielt: Einerseits sind die politischen Mehrheiten im Bundestag
sehr knapp. Union und FDP verfügen nur über eine Mehrheit
von zwölf Stimmen, so daß neben fehlenden Enthusiasmus
für das Thema eine Machtprobe die Koalition zumindest theoretisch
hätte gefährden können. Viel wichtiger aber: Es
bestand auch von Seiten der CDU/CSU wenig Interesse, die Ökologische
Steuerreform, die ohnehin wenig Akzeptanz und kein großes
Profilierungspotential innerhalb der Fraktion besaß, unter
Rücksichtnahme der "Pendler-Fraktion" der CSU erneut
auf die Tagesordnung zu setzen.
Für die gegenwärtige Heftigkeit,
ja fast schon Hysterie in den öffentlichen Reaktionen sollen
abschließend noch drei weitere Gründe genannt werden
Es ist in Mode gekommen, den Grünen Unfähigkeit zu attestieren.
Wer aber meint, die "Riesen Empörung über die Grünen"
(BILD-Schlagzeile nach dem Magdeburger Parteitag) sei allein auf
Unprofessionalität und mangelnde Vermittlungsfähigkeit
zurückzuführen, durchschaut nicht die Kampagne, die
hinter der Kritik an der Öko-Partei steckt. Das bürgerliche
Lager fürchtet den Machtverlust. Doch die Konservativen haben
beim Versuch, Feindbilder zwecks Mobilisierung ihrer Klientel
zu produzieren, ein Problem: Der SPD-Kanzlerkandidat ist wie ein
Wackelpudding - ihn an die Wand zu nageln, ist dem Regierungslager
bislang noch nicht gelungen. Also wird der Lagerwahlkampf vorerst
vorwiegend gegen die Grünen, aber auch die PDS (Höppner-Wahl)
geführt. Doch der Tankstellenwahlkampf der Union und die
Kampagne der Springer-Presse zielen nicht in erster Linie auf
die 7-Prozent-Partei. Die Diskreditierung der Grünen, so
das Kalkül, soll auf den Koalitionspartner in spe und speziell
auf deren Frontmann, Auto- und VW-Mann Gerhard Schröder,
abfärben; 5 Mark für den Liter Sprit nicht als grüne,
sondern rot-grüne Forderung erscheinen; jede Trennlinie zwischen
den beiden Parteien in der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden.
Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten. Bislang jedenfalls
kommt es allein zu einer Stimmenverschiebung von grün zu
rot, rot-grün insgesamt verliert in den Umfragen nicht an
Gewicht - sehr zum Bedauern etwa der FAZ, die die Bundestagswahl
schon für verloren erklärt hat und die Pfründe
des bügerlichen Lagers jetzt in eine große Koalition
retten will.
Zwei weitere Faktoren sind unseres Erachtens
für eine Analyse der Grünen-Schelte wesentlich: Ökologische
Steuerreform meint eine Verteuerung des Umweltverbrauchs bei gleichzeitiger
Verbilligung des Faktors Arbeit. Das Problem: Die Menschen glauben
nur die eine Seite der Medaille, die Ressourcenverteuerung. Daß
deren Einnahmen im Staatshaushalt nur ein durchlaufender Posten
zur Absenkung der Lohnnebenkostensenkung sein sollen, wird in
nahezu jeder Diskussion angezweifelt. Dies hat mit einem grundlegenden
Glaubwürdigkeits- und Legitimationsdefizit von Politik zu
tun. Ursache ist, daß der Reformbegriff seines Ursprungsbegriffs
mißbraucht worden ist. Früher verstanden die Menschen
unter Reformen eine Politik, die ihnen und der Umwelt zugute kam.
Nach einer Reform sollte es ihnen besser gehen. Wenn heute etwa
von der Reform der Lohnfortzahlung oder aber der Reform des Kündigungsschutzes
die Rede ist, tritt das Gegenteil ein: Die Menschen haben weniger
Geld im Portemonnaie und leben in größerer Unsicherheit.
Kein Wunder, daß sie eine Abwehrhaltung einnehmen und sich
an den Status Quo klammern, wenn im fernen Bonn mal wieder großspurig
von "Reformen" die Rede ist. In diese Systematik paßt,
das ausgerechnet die FDP heute als "Reformpartei" ins
Rennen geht. Dieser Mißbrauch von Begrifflichkeiten ist
nicht mehr rückgängig zu machen.
Problematisch ist zudem, daß Ökologische
Steuerreform in der Öffentlichkeit auf 5 Mark für den
Liter Benzin reduziert wird. Da nützt es dann auch nichts,
vorzurechnen, daß ein solcher Preis beim Umstieg auf das
vielzitierte 3-Liter-Auto nicht zu individuellen Mehrkosten führen
muß. Wer so argumentiert, verkennt die sozialpsychologische
Komponente. Das Auto dient eben nicht nur als Fortbewegungsmittel
von A nach B, sondern nimmt vielfältige Funktionen wahr,
sei es nun als Ausdruck von Freiheit und Unabhängigkeit,
als Indikator für gesellschaftlichen Status, für Gefühle
von Männlichkeit, Macht und Sicherheit, zur Alltagsflucht
und zum Aggressionsabbau. Gerade weil das Auto nicht nur Auto
ist, hatten es die Bündnisgrünen auch bei den Wahlen
in Sachsen-Anhalt so schwer (das Debakel hat aber auch andere
Gründe, insbesondere das Fehlen eines sozio-kulturellen Umfeldes).
Denn in den neuen Bundesländern ist das Auto das Symbol
der Einheit, nicht selten als Projektionsmasse für Aufbruch
in Unabhängig- und Freizügigkeit.
Alles in allem stimmt der geballte Widerstand
wenig optimistisch. Auch wenn eine Ökologische Steuerreform
unterschiedlichen Interessen gerecht werden kann und Unterstützer
in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen hat, dürfte
die Aussicht auf eine Massenbewegung, die sich das Thema zu eigen
macht, eher gering sein. Es wird auf eine starke Regierung ankommen,
die auch gegen heftigste Widerstände Mut und Entschlossenheit
aufbringt, das Steuersystem für mehr Umweltschutz und Beschäftigung
umzubauen. Carsten Krebs und Danyel Reiche sind Lehrbeauftragte am Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Hannover und Mitautoren des von BUND, NABU und DNR herausgegebenen Taschenbuchs "Die Ökologische Steuerreform - was sie ist, wie sie funktioniert, was sie uns bringt" (Birkhäuser 1998, 19,80 DM). |